Liebe Leserinnen, liebe Leser,
vergangenen Sonntag hörten wir in der Sonntagsmesse diese Doppelgeschichte vom reichen Fischfang nach Ansage eines Laien und die Prüfung des Petrus auf seine Liebe zu Jesus. Es ist eine typisch nachösterliche
Geschichte, in deren Mitte das Ringen um den Osterglauben und die Christusbeziehung stehen.
Ein Tischler sagt einem Fischer, wie er erfolgreich arbeiten soll. Oh Gott, „Schuster bleib bei deinen Leisten!“, sagt uns ein Sprichwort. Wenn aber der Tischler Jesus, der Auferstandene ist und die Fischer von
ihm zu Menschenfischern berufen worden sind, stellt sich die Frage nach ihrer Profession und der von Erfolg gekrönten „laienhaften“ Weisung ganz anders. Offenbar ist auch für die Kirche Profession nicht alles, wenn das unterscheidend Entscheidende fehlt ® Joh 21, 15–19 – der prüfende Dialog Jesus – Petrus.
 

Die Frage Jesu klingt zwar irgendwie feierlich, aber legt keine Hintergedanken nahe, über die es hier gleich
zu stolpern gälte: Simon, Sohn des Jona, liebst du mich? Und die Antwort des Petrus hat, scheint es,  einen etwas überraschten Unterton: Das weißt Du doch, dass ich dich liebe; wieso fragst Du? Und die Antworten Jesu übersteigen die bisher eingeführten Bilder, indem sie dem Menschenfischer das Bild des Hirten zugesellen: Weide meine Lämmer; weide meine Schafe!
Dass Jesus ein drittes Mal nachfragt, elektrisiert den Petrus ebenso wie den gewieften Evangeliumsleser. Hatte er, Petrus, nicht Jesus nach der dritten Leidensankündigung quasi getadelt? Hatte er nicht trotz Jesu Hinweis auf sein Schwachwerden noch die große Lippe riskiert, um dann vor der Magd am Lagerfeuer einzuknicken? Das Johannesevangelium weiß um die hohe Bedeutung dieser Stelle, weiß darum, dass eine Kirche, die nicht aus der Liebe zu Christus brennt und darum auch in der Liebe zu den Menschen – wie der Sohn des barmherzigen Vaters – eine erbärmlich arme, selbstvergessene, in Dogmen und Strukturen  erstarrte zu werden bzw. zu sein droht, an der ihr Auftrag, Leib Christi zu sein, ziellos vorbeigeht.
Ist diese Gefahr nicht gerade unsere Situation? Wir beschwören gegen den aufkommenden Islam die Tradition des „christlichen Abendlandes“ und haben dasselbe doch längst hinter uns gelassen in eine weitgehende Bedeutungslosigkeit hinein. Wir zanken uns um Besitzstände und Strukturen, inszenieren mit Chören und Orchestern glanzvolle Weihnachts- und Osterliturgien, aufwändige Trauungen, bedeutungsschwangere Erstkommunion- und Firmfeiern, haben aber die Ausstrahlungs– und Anziehungskraft für unseren Nachwuchs eingebüßt, kreisen eher um uns selbst und haben die Armen und Sünder verloren.
Versetzen wir uns versuchsweise in einen Moslem oder einen christlichen Kriegsflüchtling und schauen wir aus dem Fenster, wenn die Kirchenglocken zum Gottesdienst rufen, nach außen hin konkurrenzlos, weil der Gebetsruf von den Moscheen unerwünscht ist. Als Pastor werde ich neidisch, wenn ich am Freitag die Gläubigen zu den Moscheen bzw. aus ihnen wieder heraus strömen sehe. Was denken sich die Beobachter von außen, die die Christen zu ihren Kirchen tröpfeln sehen? Dabei hören und lesen sie doch alle Nasen lang, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, weil wir doch in der Tradition des christlichen Abendlandes stünden. Hohles, völlig bedeutungsloses Geschwafel – ohne jeglichen inneren Wert!
[Ich will nicht ungerecht sein, denn als Engelbert-Pastor darf ich zumindest mit dem Kirchbesuch nicht undankbar sein!]

Zurück zum Evangelium und unserer Realität. In all das Treiben in und rund um unsere Kirchen tönt Jesu Mahnruf, wie ihn  Paulus im Korintherbrief formuliert: „Hättet ihr aber die Liebe nicht ...“: Wo bleibt Eure lebendige Beziehung zu mir, dass Ihr wirklich Kirche als meinen heute lebendigen Leib abbildet? Wo ist Eure Liebe, die sich in Geschwisterlichkeit, Versöhnung, Barmherzigkeit und Zuwendung zu den „Mühseligen und Beladenen“ manifestiert? Wo und wie wird die Durchstrahlung mit Jesu Abschiedsgeschenk, der Ausgießung des Gottesgeistes, spürbar? Der Petrusdienst der Kirche kann sich in der jungen Kirche [Lämmer] wie nach gut zweitausend Jahren [Schafe] erst dann wirkmächtig entfalten, wenn er in sich das Zentrum der Christusbeziehung bewahrt und pflegt. Eine sichtbar liebende Kirche wird die einladende Dynamik entfalten können, die (auch junge) Menschen anzieht und auf ihre Wege zu den Menschen mitnimmt. Sie wird Hunger und Durst nach Evangelium und Sakramenten haben und darin stillen. Wenn wir den PEP damit beseelen, müssen wir vielleicht weniger schließen und abbauen, weil wir am Ende kraftvoller Christen sein werden. 
Eine gesegnete Osterzeit wünscht Euch und Ihnen
Ihr und Euer Pastor Michael Clemens